Drei Monate Katastrophe und kein Ende

Heute ist es genau 3 Monate her, dass wir an dieser Stelle zu ersten Mal zusammenkamen, um unseren Schrecken über das Unvorstellbare zu teilen. Damals noch hofften wir, dass das Schlimmste verhindert werden könnte, schließlich ist Japan ein Hochtechnologieland. Heute wissen wir dass der Super GAU, also die erste Kernschmelze, schon 5 Stunden nach dem Beben stattfand.

Wie lange hält der Mensch die Beschäftigung mit Katastrophenmeldungen aus? Forscher sagen: Drei Wochen reicht es für die Medienpräsenz, nach spätestens 6 Wochen muss Alltag einkehren – mehr verkraftet unsere Psyche nicht. Auch wir, vom Bündnis, das diese Mahnwache nun zum 13. Mal veranstaltet, entschieden vor drei Wochen, den regelmäßigen Block mit Informationen aus Japan aus dem Programm zu streichen.

Ein Super GAU sprengt aber alles, was wir von Katastrophenabläufen gewöhnt sind. Das übliche Szenario bei Erdbeben, Überschwemmungen usw. ist bekannt: Dramatische Bilder gehen um die Welt, Hilfsorganisationen schicken ihre Notfallteams los, Statistiker zählen die Toten, Suche nach Vermissten, Notversorgung der Überlebenden, Infrastruktur wiederherstellen, Trümmer beseitigen und Wiederaufbauen.

Die Gegend um Fukushima ist noch weit, weit davon entfernt, auch nur zur „Normalität“ der Folgenbeseitigung überzugehen. Auch meine persönliche Hoffnung, dass jetzt – nach immerhin drei Monaten – das Schlimmste überstanden sein müsste, wurde in der letzten Woche erschüttert durch Meldungen in der Süddeutschen Zeitung (5./6. und 8.6).

Die Headline hieß: „Neues Leck – Radioaktivität so hoch wie noch nie“. Tepco hatte einen Roboter an eine Stelle geschickt aus der Dampf aus dem Boden austrat. Bis zu 4.000 mSV pro Stunde wurden gemessen. Eine Intensität der Gammastrahlen, mit der ein Arbeiter seine Jahresdosis in nur 4 (!) Minuten abbekommen würde. „15 Minuten an dieser Stelle würde beim Menschen akute Strahlenkrankheit auslösen“. Nachsatz: „Tepco beabsichtigt jedoch nach eigenen Angaben nicht, in dem Gebiet arbeiten zu lassen.“ (Ach, wie beruhigend und menschenfreundlich) „Man werde die weitere Entwicklung genau beobachten.“ (Zu Deutsch: wir schauen zu und können nichts machen.)

Und weiter zur Nachricht 2:

Tepco hatte am Vortag zudem mitgeteilt, dass mehr als 100.000 Tonnen hochgradig radioaktiv verseuchten Wassers in der Atomruine schwappen.“ Können wir uns das vorstellen? 100.000 to sind 100.000 m³. Mit gelbem Band haben wir hier vorm Elisenbrunnen eine Fläche von 10*10= 100 m² markiert. Wenn das die Grundfläche eines Tanks wäre, dann müsste dieser um das radioaktive Wasser zu fassen 1.000 m hoch sein. Oder 100 Tanks so hoch wie der Elisenbrunnen.

Weiter im Zitat: „Die vorläufigen Tanks mit radioaktivem Wasser aus den beschädigten Reaktoren drohen überzulaufen. Spätestens am 20. Juni sei die Kapazität erschöpft, bei starken Regenfällen sogar schon früher, teilte Tepco mit.“

Alles bald vorbei?

„Bis August sollen nach Angaben von Kraftwerksbetreiber Tepco 370 Tanks geliefert werden. Insgesamt könnten dann 40.000 Tonnen verseuchtes Wasser gelagert werden.“

Oberhalb dieses 100m² Gevierts sind das 10 Tepcotanks übereinander bis zu Spitze des Elisenbrunnens und das 40 mal auf diesem Platz. Müssen wir beten, dass die Präfektur Fukushima einen extrem trocken Sommer ohne Gewitter bekommt?

Nein, dieses Drama ist noch lange nicht zu Ende. Atomkatastrophen haben ganz eigene Gesetze, die mit nichts vergleichbar sind. Deshalb: Bleibt wachsam!

Die gute Nachricht aus Japan (SZ online, 11.06.2011)

Drei Monate nach dem verheerenden Erdbeben und dem Beginn der Atomkatastrophe von Fukushima sind in Japan Tausende Menschen gegen Atomkraft auf die Straße gegangen. Den Protestzügen im ganzen Land schlossen sich am Samstag Arbeiter, Studenten und Eltern mit ihren Kindern an. Auf Transparenten war zu lesen „Keine Atomkraft“ und „Nie wieder Fukushima“… Die Demonstranten zogen auch vor die Zentrale des Fukushima-Betreibers Tepco, den sie in Sprechchören als Lügner bezeichneten.

Die jüngsten Proteste dürften den Druck durch die Öffentlichkeit erhöhen, der bereits zum Stillstand eines Großteils der japanischen Atomkraftwerke geführt hat… Derzeit laufen (nur noch) 19 der 54 AKWs, die vor Fukushima in Betrieb waren.“

Robert Borsch-Laaks, Nachbarschaftsinitiative 3Rosen, rbl-ac@gmx.de, 13.06.2011

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